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Im Dialog mit Celina Keute – Hinter den Zeilen von „Schüsse in der Stille“


Erinnerungen sind fragil. Sie verblassen, wenn sie nicht erzählt, geteilt und bewahrt werden. Gerade die persönlichen Geschichten des Zweiten Weltkriegs drohen mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeug:innen verloren zu gehen. Umso bedeutender sind Stimmen, die nicht aus der Distanz historischer Abhandlungen sprechen, sondern aus gelebtem Leben. Mit „Schüsse in der Stille“ hat die Autorin Celina Keute eine solche Stimme festgehalten: die ihres Urgroßvaters Hermann Kronemeyer. In jahrelanger, intensiver Arbeit hat sie seine Erinnerungen gesammelt, transkribiert, eingeordnet und zu einem eindrucksvollen Zeitzeugnis verdichtet. Entstanden ist kein Roman, sondern ein authentischer Bericht über das Aufwachsen im Krieg, über moralische Konflikte, Schuld, Ohnmacht – und über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten. Im folgenden Interview spricht die Autorin offen über ihre Motivation, den Entstehungsprozess des Buches, emotionale Herausforderungen beim Schreiben und die Botschaften, die sie mit „Schüsse in der Stille“ weitergeben möchte. Ein Gespräch über Erinnerungskultur, Verantwortung und die Bedeutung von Versöhnung – heute mehr denn je.



Was hat dich zu „Schüsse in der Stille“ inspiriert?


Mein Urgroßvater Hermann Kronemeyer war ein international gefragter Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs und ich habe ihn noch persönlich kennengelernt. Da ich lange nicht im Detail wusste, was er genau erlebt hatte, habe ich als Jugendliche einen Fragenkatalog erstellt und ihn einen Abend lang ausführlich interviewt. Anders als viele andere Zeitzeugen spricht er offen und ausführlich über seine Erlebnisse. Das Interview habe ich aufgezeichnet und anschließend transkribiert. Daraufhin haben sich wieder neue Fragen ergeben, sodass ich in den darauffolgenden Jahren viele weitere Interviews geführt und zahlreiche Geschichten gehört habe. So kam es, dass mir eines Tages die Idee kam, ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben, damit diese nicht in Vergessenheit geraten.


Was hat dein Urgroßvater im Zweiten Weltkrieg erlebt?


Mein Urgroßvater Hermann Kronemeyer wurde 1927 geboren und wuchs nahe der deutsch￾niederländischen Grenze auf. Er verbrachte seine gesamte Jugend im Krieg und erlebte die Kriegsgefangenen in den nahe gelegenen Emslandlagern, mit denen er täglich in Kontakt war, den Luftkrieg über der Heimat und den Überfall auf die Niederlande, der das ursprünglich positive Verhältnis in der Grenzregion stark belastete. Obwohl er gegen das NS-Regime war, wurde er als Siebzehnjähriger unfreiwillig zur Wehrmacht eingezogen. Er kam als Soldat in die Niederlande und stand den Nachbarn unmittelbar als Besatzer gegenüber. In den letzten Kriegswochen kämpfte er an der Westfront, ließ sich von den Kanadiern gefangen nehmen und verbrachte

seine Kriegsgefangenschaft in Belgien.


Gab es einen bestimmten Moment oder Auslöser, der dich zum Schreiben dieses Buches gebracht hat?


Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich die Entscheidung getroffen habe, ein Buch zu schreiben. Es war ein warmer Spätsommerabend im Jahr 2019. Genau weiß ich nicht mehr, was der Auslöser gewesen war, jedoch habe ich mir die Idee von da an fest in den Kopf gesetzt und meinen Urgroßvater am nächsten Tag angerufen, um zu fragen, ob er damit einverstanden ist. Er hat zugestimmt und sich sehr darüber gefreut. Von da an fing die Arbeit erst richtig an.


Wie gehst du beim Schreiben vor – planst du viel im Voraus oder entwickelt sich die Geschichte erst während des Schreibens? Wie bist du beim Schreiben des Buches vorgegangen?


Zunächst habe ich viele weitere Interviews geführt und händisch transkribiert; insgesamt waren es fünfzig Stunden, schriftlich um die fünfhundert A4-Wordseiten. Da mein Urgroßvater natürlich nicht alles chronologisch erzählt hat, habe ich erst im Laufe der Zeit den roten Faden erkannt und eine Zeitleiste erstellt. Ich habe mich dazu entschieden, seine Erfahrungen größtenteils chronologisch zu erzählen, daher habe ich alle Geschichten gesammelt, in eine Reihenfolge gebracht und recherchiert, welches Ereignis in welchem Jahr stattgefunden hat. Danach habe ich die Transkriptionen sortiert – manche Geschichten hatte ich mehrfach gehört –, und daraus

einen flüssig lesbaren, zusammenhängenden Text geschrieben. Im Buch wollte ich keine Details zum Ausschmücken ergänzen, sondern strikt nur das wiedergeben, was mein Urgroßvater mir tatsächlich erzählt hat. Daher musste ich zwischendurch immer wieder mit ihm telefonieren, um weitere Details in Erfahrung zu bringen, wenn mir Informationen fehlten, um eine Szene rund zu machen. Am Ende habe ich das Manuskript mehrfach intensiv überarbeitet und zudem lektorieren und korrigieren lassen.


Wie lange hast du an „Schüsse in der Stille“ gearbeitet und welcher Teil war für dich der

intensivste?


Insgesamt habe ich zweieinhalb Jahre an dem Buch gearbeitet. Am intensivsten war die

Vorbereitung, die vor der eigentlichen Schreibarbeit kam: das Transkribieren, Sortieren, Planen und Recherchieren. Ich habe viel Wert auf die historische Korrektheit gelegt, war mit Historikern und Archivaren im Austausch, habe intensiv recherchiert und versucht, die Ereignisse bestmöglich zu rekonstruieren: In welcher Reihenfolge ereigneten sich die Fronterlebnisse? Wann ist welcher Bomber abgestürzt? Wann befanden sich welche Kriegsgefangenen im Lager? Das war sehr zeitaufwendig.


Welche Szene war für dich emotional am schwersten zu schreiben?

Ich vermute, die emotionalste Szene war diejenige, in der mein Urgroßvater nach der Gefangennahme im Viehwaggon von den Niederlanden nach Belgien transportiert wurde. Die Menschen, die nach der fünfjährigen Besatzungszeit verständlicherweise sehr wütend auf die Deutschen waren, standen am Gleis und warfen Steine, wobei einige der Kriegsgefangenen starben. Viele der Niederländer und Belgier zeigten ihre Faust und gestikulierten „Hals abschneiden“, selbst Babys, die nicht einmal sprechen konnten. Mein Urgroßvater war immer ein sehr aufgeschlossener Mensch, der neugierig auf andere zugegangen ist und nicht einmal seine Gegner als Feinde, sondern stets als Menschen angesehen hat. Daher hat auch ihn dieser Moment sehr bedrückt.


Warum ist dir dieses Thema wichtig? Welche zentrale Frage möchtest du mit diesem Buch stellen oder beantworten? Und gibt es eine Botschaft, die bewusst zwischen den Zeilen steckt? Was wünschst du dir, dass Leser:innen aus dem Buch mitnehmen?


Zunächst wollte ich mit dem Buch natürlich die Erinnerung bewahren und es Menschen

ermöglichen, eine weitere Perspektive kennen zulernen – die eines Jugendlichen an der deutsch￾niederländischen Grenze, der unfreiwillig eingezogen wird. Weiterhin möchte ich aufzeigen, was Krieg wirklich bedeutet – wie mein Urgroßvater es ausgedrückt hat: „Krieg ist kein Abenteuer und kein Vergnügen. Er ist von allem nur das Schlimmste.“ Das ist seine zentrale Botschaft im Buch. Da die meisten von uns in Frieden aufgewachsen sind, haben wir heute oftmals kein Bild davon. Darüber hinaus möchte ich ein differenziertes Denken fördern und aufzeigen, dass in jedem Krieg Menschen mit ihren individuellen Sichtweisen und Wesenszügen auf beiden Seiten stehen, weshalb man Einzelpersonen oder ganze Nationalitäten niemals pauschal verurteilen sollte. Nicht zuletzt zeigt das Buch, wie schnell ein Krieg positive Verhältnisse zwischen Ländern und ihren Bewohnern zerstören kann. Es verdeutlicht, wie wertvoll die heutigen positiven

Beziehungen sind und wie wichtig es ist, diese aufrechtzuerhalten.


Der Titel ist sehr stark und bildhaft – was bedeutet „Stille“ für dich im Kontext des Buches?


Der Titel „Schüsse in der Stille“ hat mehrere Bedeutungen. Zum einen wuchs mein Urgroßvater in einer Moorkolonie in der Grafschaft Bentheim auf, einer sehr abgelegenen, ruhigen und friedlichen Region. Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich dies jedoch: Kriegsgefangene kamen in die Emslandlager, eines Tages wurde ein sowjetischer Gefangener erschossen; täglich flogen die Bombergeschwader über die Menschen hinweg und Jagdflugzeuge beschlossen sich in Luftkämpfen. Es sind im wahrsten Sinne „Schüsse in der Stille“, da der Krieg nun auch diese friedliche Gegend und seine Bewohner heimsucht. Weiterhin bezieht sich der Titel konkret auf zwei Szenen im Buch: Als der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begann, war mein Urgroßvater gerade einmal zwölf Jahre alt. Abends ging er hinaus auf den Hof, blickte über das weite, stille Moor und fragte sich, ob man nun Kanonendonner hören könne, da jetzt Krieg herrsche. Es war eine sehr kindliche, naive Vorstellung, da Polen weit entfernt lag und er gar nicht wusste, was Krieg überhaupt bedeutete. Fünf Jahre später, Ende 1944, als in den Niederlanden die Operation Market Garden stattfand, stand er erneut auf dem Hof, lauschte in die Stille hinein und konnte diesmal tatsächlich Kanonendonner hören. Dies verdeutlicht seine Entwicklung vom unbedarften Kind, das keinen Krieg kennt, zum Jugendlichen, der bereits viele Erfahrungen gemacht hat.


Welche Rolle spielen psychologische und gesellschaftliche Themen in deinem Buch?


Psychologische Themen spielen eine Rolle, indem sich nachvollziehen lässt, wie es ist, unter einem diktatorischen Regime zu leben, das man nicht unterstützt. Weiterhin erkennt man, wie ein Krieg einen Menschen verändert und nachhaltig prägt. Auch gesellschaftliche Themen spielen eine Rolle: beispielsweise der Wert des Friedens, der Versöhnung und der positiven Beziehungen zu anderen Ländern und Nationalitäten. Einen wesentlichen Aspekt stellt auch die Menschlichkeit im Alltag dar, mit der man anderen begegnen kann, selbst in den schwierigsten Zeiten.


Welche Reaktionen deiner Leser:innen haben dich bisher am meisten bewegt oder überrascht?


Ich habe viel positives Feedback erhalten, sowohl aus Deutschland als auch aus anderen

Ländern wie den Niederlanden. Besonders bestätigend ist es für mich immer, wenn mir Leser sagen, dass sie durch das Buch einen neuen Blick auf diese Zeit erlangt haben und sie nun besser verstehen. Selbst meine Großmutter, die Tochter von Hermann Kronemeyer, hat mir nach der Lektüre erzählt, dass sie nun viel mehr Verständnis hat und das Wesen und Handeln ihres Vaters besser nachvollziehen kann. Das habe ich auch von anderen Menschen gehört, deren Familienmitglieder den Krieg erlebt haben. Generell weiß ich es sehr zu schätzen, dass ich Menschen auch international mit dem Buch erreiche und damit zur Versöhnung beitragen kann.


Gab es Kritik oder Feedback, das dich besonders zum Nachdenken gebracht hat?


Nach einer Lesung hat mir eine ältere Frau einmal gesagt, dass sie das Gefühl habe, der Krieg würde nicht in all seiner Grausamkeit dargestellt werden. Sie sagte, wenn sie

Gesamtdarstellungen lese, dann erscheine ihr das Thema noch viel schrecklicher. Seitdem erwähne ich vor meinen Lesungen immer, dass mein Urgroßvater zwar auch schlimme Dinge erlebt hat, allerdings keine Konzentrationslager, keine Ostfront, keine Feuerstürme und keine Massaker. Dieser Umstand macht seine Erzählungen vielleicht etwas erträglicher, wenn auch nicht weniger bedrückend. Ich habe ihr Feedback sehr ernst genommen, mir aber auch bewusst gemacht, dass es sich bei meinem Buch nicht um eine Gesamtdarstellung mit jeglichen Grausamkeiten in komprimierter Form handelt, sondern um die ebenso authentischen Erlebnisse eines Jugendlichen, der den Großteil des Krieges in der deutsch-niederländischen Grenzregion erlebte.


Was hast du persönlich aus dem Schreiben dieses Buches für dich mitgenommen? Inwiefern haben dich dein Urgroßvater und das Buch geprägt?


Dadurch, dass mein Urgroßvater mir so offen und ehrlich von seinen Erlebnissen berichtet hat – was für diese Generation keine Selbstverständlichkeit ist –, hat er mir ein großes Geschenk gemacht. Ohne ihn wäre ich keine Autorin und würde nicht das Leben führen, das ich aktuell führe. Kürzlich war ich mit meinem Buch auf Lesereise mit über dreißig Lesungen in sieben Ländern Europas. Somit führe ich die Arbeit meines Urgroßvaters gewissermaßen fort. Weiterhin forsche ich zu den beiden Weltkriegen und spreche mit Menschen in verschiedenen Ländern darüber. Die Themen „Verständigung und Versöhnung“ sind zu meinen eigenen Lebenszielen geworden. Ausgehend von meiner intensiven Beschäftigung mit dem Thema ist es mir ein persönliches Anliegen geworden, Verständnis und Bewusstsein zu schaffen sowie eine differenzierte Denkweise zu fördern, um Brücken zu bauen und das Verhältnis zwischen

Menschen und Nationalitäten zu stärken.


Gibt es etwas, das Leser:innen wissen sollten, bevor sie dein Buch lesen?


Es ist wichtig, zu wissen, dass es sich um keinen Roman handelt. Im Buch habe ich alle

Erzählungen meines Urgroßvaters tatsachen- und wahrheitsgetreu wiedergegeben. Es gibt keine hinzuerfundenen Figuren oder Szenen, sondern ausschließlich die Geschichte auf Grundlage persönlicher Erinnerungen.


Arbeitest du schon an einem neuen Projekt – und darf man sich auf etwas freuen?


Einerseits stehen noch weitere Veröffentlichungsschritte zum Buch „Schüsse in der Stille“ an. Derzeit bemühe ich mich darum, englische und niederländische Verlage zu finden, um das Buch als Übersetzung herauszubringen; weiterhin möchte ich demnächst ein Hörbuch produzieren. Eine Verfilmung wäre ebenfalls interessant, wobei das vermutlich ein langwieriger Prozess werden dürfte. An einem nächsten Buchprojekt arbeite ich bereits: Es handelt von meinen eigenen internationalen Recherchen zum Thema und meiner Spurensuche. Dabei verbinde ich meine Familiengeschichte mit der Frage, wie Menschen in verschiedenen Ländern gedenken und heute mit dem Thema umgehen.


Mein Fazit


„Schüsse in der Stille“ ist weit mehr als die Aufzeichnung einer einzelnen Lebensgeschichte. Das Buch macht sichtbar, wie Krieg in den Alltag eingreift, wie er Beziehungen zerstört, Haltungen prägt und Menschen ein Leben lang begleitet – selbst dann, wenn sie ihn nie gewollt haben. Gleichzeitig zeigt es, dass Zuhören, Erzählen und differenziertes Denken Wege zu Verständnis und Versöhnung eröffnen können.

Besonders eindrucksvoll ist dabei die konsequente Haltung der Autorin: Sie ergänzt nichts, dramatisiert nicht, urteilt nicht pauschal. Stattdessen lässt sie Erinnerungen für sich sprechen – mit all ihren Brüchen, Leerstellen und Ambivalenzen. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Buch seine große Stärke und Glaubwürdigkeit.


Mit Lesereisen durch mehrere europäische Länder, geplanten Übersetzungen, einem zukünftigen Hörbuch und weiteren Buchprojekten führt die Autorin die Arbeit ihres Urgroßvaters fort: den Dialog über Geschichte offen zu halten und Brücken zwischen Menschen und Nationen zu bauen. Ihr Fokus auf Verständigung und Versöhnung macht „Schüsse in der Stille“ zu einem Buch, das nicht nur zurückblickt, sondern auch in die Gegenwart wirkt.


👉 Mehr Informationen zur Autorin, zum Buch „Schüsse in der Stille“, zu Lesungen und aktuellen Projekten findest du auf ihrer offiziellen Website: https://www.celinakeute.de/

 
 
 

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